In der neuesten Ausgabe des RockHard äußert sich Freki von Varg zu den Anschuldigungen die sich sein Band in den letzten Wochen ausgesetzt sieht. In der selben Ausgabe wurden auch Leserbriefe zu dem Thema veröffentlicht. Nach 20 Minuten rasenden Zorns und zu hohem Blutdruck:
Das Bohei um Varg geht mir auf den Docht. Ich selbst kenne die Band nicht, doch man entkommt dem Thema ja nicht wenn man sich etwas über die Nachrichten in der Szene auf dem laufenden halten will.
Keine Ahnung ob Varg eine rechte Band sind. Keine Ahnung ob der Herr Freki ein Nazi ist. Doch nach dem überaus interessanten und informativen Interview kann ich eins mit Gewissheit sagen: Der Herr Freki ist nicht der Hellste. Wir rekapitulieren: Freki beschäftigt sich in akademischer Funktion mit Hendrik Möbius, weiß also besser als der durchschnittliche Metalhead über dessen Geschichte und seine spezielle Form des Wahnsinns bescheid. Und als aktives, gestaltendes und formendes Mitglied der Pagan-Szene fährt Er zum Absurd-Konzert, weil es ja mal interessant und ach so verboten ist. Später trifft er sich dann mit Möbius auf seinem eigenen Festival (jaja, auf dem Parkplatz davor, aber ich bitte Euch, Möbius wollte als Teil des Festivals gesehen werden…). Freki kauft ihm sogar ein Shirt ab, aus welchem Grund auch immer, und lässt sich dann, wieder ein paar Monate später, in besagtem Shirt in der Öffentlichkeit blicken und ablichten.
Was soll man dazu noch sagen? Freki scheint selbst erkannt zu haben was Er da für einen Mist verzapft hat, so weit so gut, aber um Verzeihung muss man bitten. Und für manche Sachen wird einem in unserer Gesellschaft eher verziehen als für andere. Natürlich kann man alles als Jugendsünde abtun, aber wir reden hier von einem Individuum dem unser Staat das Wahlrecht anvertraut hat. Sein Handeln zeugt von phänomenaler Kurzsichtigkeit. Seine deutliche Position heutzutage finde ich bewundernswert, doch manchen Schmutz wird man nicht los.
Bleibt zu klären ob die Vorwürfe, Varg hätten rechte Texte oder andere Beziehungen zum rechten Rand, berechtigt sind. Hier kommt nun die postmoderne Theorie vom Tod des Autors zum tragen. Was der Kulturschaffende sagen will ist irrelevant, wichtig ist nur wie es der Rezipient versteht. Insofern sollte sich die Black- und Pagan-Szene nicht über einen Generalverdacht beschweren und ewig "So haben wir das nicht gemeint!" jammern, sondern lieber mal in sich gehen und überdenken, was man da so sagt, schreibt und produziert das beim braunen Pack anscheinend auf nahrhaften Boden fällt. Das Problem hat in Deutschland Tradition. Man kann von den Onkelz halten was man will. Für die einen haben Sie sich weit genug und glaubhaft von Ihrer bedenklichen Vergangenheit distanziert (für mich nicht), für die anderen bleiben vergangene Untaten unverzeihlich oder im "bewundernden" Sinne unvergessen. Fakt ist, dass die (meisten) Rechten sie immer als Teil ihrer Musikszene umarmt haben.
Freki hat sich vielleicht nicht viel zu Schulden kommen lassen, zeigt vielleicht echte Reue… Doch das Tabu das er verletzt hat entwickelt in Deutschland immer ein Eigenleben. Und jeder mit ein wenig Grips hat doch schon gehört, dass man die Geister, die man rief, nicht wieder los wird.
Was mich zum zweiten Grund für meinen zu hohen Blutdruck in diesem Monat bringt. Willi Pröschold beschwert sich in seinem Leserbrief über eben diesen Generalverdacht, über die Vereinnahmung seiner ach so tollen heidnischen Ideale vom rechten Rand und welches schlechte Bild das auf Ihn wirft. Unfair! Buhu! Wenn ausländische Bands so etwas machen ist doch alles Töfte! Und dann meine Lieblingsfrage: Kann man noch ohne Risiko stereotypisiert zu werden seinen Stolz auf Deutschland bekunden?
Ich will Willi nichts unterstellen. Er sagt er ist kein Rechter, gut, lassen wir Ihm sein Selbstverständnis Aus Erfahrung sagt mir diese Frage allerdings alles was ich über Ihn wissen muss. Rechts und Links sind immer eine Frage der Perspektive. Sagen wir einfach Er ist bestimmt kein Mensch mit dem ich mich gut verstehen würde. Die Frage war bestimmt rhetorisch gemeint, aber ich antworte Ihm trotzdem.
Nein, man kann nicht sagen man sei stolz auf Deutschland ohne als Nationalist und Patriot abgestempelt zu werden. Zwei Eigenschaften die ich äußert unsympathisch finde. Stolz darfst Du auf das sein, was Du selbst leistest, mein lieber Willi. Nicht auf die Taten von Menschen, die zufällig vor langer Zeit im selben Staat oder der selben geografischen Region gelebt haben. Das nennt der Volksmund "Sich mit fremden Federn schmücken". Und das trifft immer zu, egal welcher Landsmann solchen Quatsch von sich gibt. (Die Kollegen vom RockHard geben Willis E-Mail als "dynamoultra" an. Das trifft auch auf den Fußball zu. "Ihr" habt nicht gewonnen. Die meisten von "Euch" haben auf dem fetten Arsch gesessen und Bier gesoffen. Nur ums noch mal ganz klar zu machen.)
Selbst wenn man dann ins Feld führt die Geschichte bestimme die Kultur (und damit auch den Menschen) hat man folgendes Problem: man darf sich die Kirschen nicht raus picken. Wenn man den Dichterfürst und den Entdecker der allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie als Teil der nationalen Identität akzeptiert, dann muss man sich auch mit dem Gröfaz und dem Mord an 6 Millionen unschuldigen Menschen identifizieren, sowie 2 Weltkriegen die den Planeten ins Chaos stürzten. Leute die mit "Stolz auf Deutschland" kommen hören das natürlich nicht gerne. Entweder sie müssen gestehen das es mehr Grund zum Schämen gibt, oder sie geraten noch tiefer in den braunen Sumpf in dem sie bereits bis zu den Knöcheln stehen.
Da haben wir es also. Den jungen Künstler, der sich hoffnungslos übernimmt, und sein Publikum, das extreme Botschaften in ein verqueres Weltbild einfügt. Tragisch.
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